GÜNTHER UECKER • TRANSNATIONAL • JENSEITS EUROPAS

Schwerin, 13. November 2021

GÜNTHER UECKER • TRANSNATIONAL • JENSEITS EUROPAS
Eröffnung Günther Uecker Institut und Präsentation der Forschungsergebnisse 2020 und 2021

Die Stipendiatinnen im Gespräch mit Dr. Kornelia Röder und Prof. Dr. Kornelia von Berswordt-Wallrabe (© 2021 Günther Uecker Institut e.V.)

Unter dem Titel GÜNTHER UECKER • TRANSNATIONAL • JENSEITS EUROPAS stellten am 12. November 2021 die Günther Uecker-Forschungsstipendiatinnen 2020 und 2021 ihre Arbeiten in Schwerin vor. Gleichzeitig wurde mit der Veranstaltung auch die Eröffnung des Günther Uecker Instituts begangen. Die Umbenennung des Vereins UECKER IN SCHWERIN: NEUBAU e.V. in Günther Uecker Institut e.V. erfolgte bereits im Jahr zuvor, doch mussten alle Festlichkeiten pandemiebedingt abgesagt werden. Der neue Name konkretisiert den satzungsverankerten Förderzweck und lenkt den Fokus auf die Förderung von Wissenschaft und kunsthistorischer Forschung. Im Kunstverein für Mecklenburg und Vorpommern wies die Vorsitzende, Prof. Dr. Kornelia von Berswordt-Wallrabe, auf diese Umstrukturierung in ihrer Begrüßung hin. Der Titel der Eröffnungsveranstaltung GÜNTHER UECKER • TRANSNATIONAL • JENSEITS EUROPAS spiegelt die außereuropäischen Perspektiven auf das Werk Ueckers insgesamt und besonders in den an diesem Abend vorgestellten Forschungsarbeiten.

Konzeptuelle Historienbilder
Ausgehend von der Arbeit Gerät (auf Wörtern) (1992), stellte Dr. Kathrin Nahidi, Forschungsstipendiatin 2020, ihre Betrachtung von Günther Ueckers Werken als konzeptionelle Historienbilder vor. Ein Teil der Arbeit Gerät (auf Wörtern), Ueckers Verletzungswörter, entstand 1992 als eine künstlerische Reaktion auf die rechtsextremen Angriffe in Rostock-Lichtenhagen. Anhand einer ikonographischen Werkanalyse arbeitete Nahidi exemplarisch die politische Dimension in Ueckers Werk heraus. Sie zeigte auf, dass durch die konzeptionelle Ausrichtung eine künstlerische Ambiguität erreicht werde, durch die Ueckers Arbeit über das Potential verfüge, im globalen Ausstellungskontext lokal gelesen zu werden. Als Teil der Ausstellung Der geschundene Mensch wurde die Arbeit durch das Institut für Auslandsbeziehungen weltweit gezeigt. Die thematische Ausrichtung auf die Gefährdung des Menschen durch den Menschen erzeuge einen Dialog jenseits von nationalen und kulturellen Grenzen.
Auch in anderen Arbeiten wie Aschemensch (1987), als Reaktion auf die Tschernobyl-Katastrophe oder den Leipziger Blättern (1989), die nach Ueckers Erleben der Demonstrationen der Friedlichen Revolution entstanden, zeigte Nahidi das Konzept des Historienbildes auf. Mit der Erfindung der Fotografie büßte die Historienmalerei ihre repräsentative Aufgabe ein. Ueckers gewählte monochrome Darstellung der menschlichen gewalttätigen Abgründe untersucht die Möglichkeiten und Potenziale im Zeitalter der Reproduzierbarkeit von Fotografie und Film. In diesem Spannungsfeld ordnete Nahidi Ueckers Arbeit als konzeptuelle Historienbilder ein.

Günther Uecker: Blickwinkel „South“
Auch Dr. Katja Gentric, Forschungsstipendiatin 2021, fragte in ihrem Vortrag nach der Darstellbarkeit extremer Situationen durch die Kunst. Als Ausgangspunkt ihrer Forschung wählte sie Günther Ueckers Werk Wounded Field (1983), mit welchem sich der Künstler am Ausstellungsprojekt Artistes du monde contre l'apartheid beteiligte. Dieses wurde als ein wanderndes „Exil-Museum”, bestehend aus mehr als 80 Kunstwerken die sich gegen Apartheidspolitik aussprechen, weltweit gezeigt.

© 2021 Günther Uecker Institut e.V.

Verletzte Felder, ein Titel der mehrfach in Ueckers Werk vorkommt, stehe gewissermaßen zentral für Ueckers Arbeitsweise, seinem Umgang mit Werkzeug und Material, mit Verwundung und Leben. Wounded Field öffnete für Katja Gentric den, wie sie es nannte, umschlagenden Blick auf „South“ und ermöglichte ihr Ueckers Werk in den Dialog mit zeitgenössischen südafrikanischen KünstlerInnen treten zu lassen. Etwa mit Willem Boshoff, zu dem Gentric die Verbindung über den Zusammenhang zwischen Nagelarbeit und Schriftbild bei Uecker öffnete. Weiter betrachtete sie den Klang in Ueckers Werk und verwies darauf, dass die Nägel in seinem Schaffen nicht nur strukturelles Element seien, sondern die Handgriffe, mit denen Uecker diese ins Holz treibt, selbst in Aktionen wie Nagelklavier (1964) und Telefonzeit/Nagelzeit (1966) vorkommen. Hier verdeutlichte sie Analogien zu der Arbeit What difference does it make who is speaking (2014) der südafrikanischen Künstlerin Mbali Khoza.

Die Uecker-Forschung im Fokus
Im Anschluss an die Vorträge diskutierten die Forschungsstipendiatinnen mit Dr. Kornelia Röder, Leiterin der Abteilung Staatliches Museum Schwerin bei den Staatlichen Schlössern, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern und Prof. Dr. Kornelia von Berswordt-Wallrabe, Vorsitzende des Günther Uecker Instituts, die die Moderation übernahm.
Das Gespräch wurde eingeleitet mit Fragen nach der Ausrichtung des Forschungsstipendiums. Hierbei betonten die Podiumsmitglieder die große Chance und die Spannung, die darin liegt, mit Günther Uecker zu einem Künstler zu forschen, dessen Werk nicht abgeschlossen ist und mit dem man in ein Gespräch treten kann. Die Vorträge zeigten das Potential der Stipendien, die Uecker-Forschung in andere kulturelle Zusammenhänge zu setzen und damit die Analogie zu Ueckers eigener Verortung im Lokalen bei gleichzeitiger Reflexion des Transnationalen aufzunehmen. Der Wert der eigenen biographischen und sozio-kulturellen Hintergründe der Forschenden machte die unverzichtbare Kraft der multiperspektivischen Betrachtung deutlich.

Den Abschluss der Podiumsdiskussion markierte die Frage nach der Triebfeder, die Künstlerinnen und Künstler in die Lage versetzt, Prozesse in einer Gesellschaft so aufzunehmen und zu bearbeiten, dass sie in der Gesellschaft gesehen und entschlüsselt werden können.

Das Pressegespräch zur Veranstaltung fand in der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern Günther Uecker statt.
Presseberichte finden Sie hier:

Günther Uecker Institut vergibt Forschungsstipendien, SVZ, 12.11.2021
Spannende Forschung über Künstler Günther Uecker, TV-Schwerin, 16.11.2021
Bericht im Kulturjournal, NDR 1 Radio MV, 12.11.2021